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Beginn der Aufarbeitungsstudie zu Vorfällen sexualisierter Gewalt in Wächterheim und Paulinenpflege Kirchheim

Vor etwas mehr als 40 Jahren fanden im Wächterheim schwerwiegende Fälle sexualisierter Gewalt statt. Über Pressemeldungen im Teckboten im Frühsommer 2025 erfuhr eine breite Öffentlichkeit von diesen Vorfällen. Darüber hinaus haben wir Kenntnis davon, dass auch in der Paulinenpflege sexualisierte Gewalt stattgefunden hat. 

Die Stiftung Tragwerk hat es sich als Folgeorganisation des Wächterheims und der Paulinenpflege Kirchheim zur Aufgabe gemacht, diese schweren Verbrechen, die an unseren betreuten Kindern und Jugendlichen begangen wurden, in aller Konsequenz und Transparenz offenzulegen und ihren Teil dazu beitragen, dass das erlittene Leid der Betroffenen angemessen beleuchtet und anerkannt wird.

In diesem Zuge ist eine umfangreiche historische Studie in Auftrag gegeben worden, die sich mit den Vorfällen in beiden Einrichtungsteilen in der Zeit zwischen 1958 und 1982 beschäftigen wird. Für die Durchführung der Studie zeichnet sich das renommierte Institut für Geschichte der Medizin (Bosch Health Campus) in Stuttgart verantwortlich, das sich neben den Forschungsschwerpunkten der Medizingeschichte und der Geschichte von Pflege- und Gesundheitsberufen eben auch mit der Geschichte der Heimerziehung beschäftigt.

Die Durchführung der umfangreichen Forschungsarbeit übernimmt der Historiker und wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts Dr. Sebastian Wenger. Dieser hat bereits in der Vergangenheit Aufarbeitungsstudien im Umfeld von Heimerziehung veröffentlicht und verfügt über eine große Expertise in diesem Forschungsfeld. 

Im März 2026 hat Herr Dr. Wenger seine Arbeit aufgenommen. Er wird eine umfassende Auswertung von Aktenmaterial aus verschiedenen Archiven (Stiftung Tragwerk, Evangelische Landeskirche, Stadtarchiv Kirchheim unter Teck, Staatsarchiv in Ludwigsburg) vornehmen. Ein weiterer zentraler und wichtiger Faktor zur Gewinnung von Informationen und Erkenntnissen ist das persönliche Gespräch mit Zeitzeugen. Dies sind zum einen die Betroffenen selbst, die bereit sind, über das Erlebte zu sprechen und zu denen bereits im Vorfeld vielfältige Kontakte bestanden. Zum anderen werden Interviews mit ehemaligen Betreuerinnen und Betreuern, Personen aus dem Umfeld der Betroffenen sowie der Einrichtungen geführt. Zudem wird Herr Dr. Wenger eine ausführliche Literaturrecherche zum Thema sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Setting der Heimerziehung und zur Geschichte der beiden Einrichtungen Wächterheim und Paulinenpflege Kirchheim vornehmen. 

Die Projektlaufzeit beträgt insgesamt zwei Jahre und endet im Frühjahr 2028. Die Ergebnisse der umfangreichen Forschung werden in Form eines Buches festgehalten. Dabei ist es unser erklärtes Ziel, eine Publikation zu veröffentlichen, die ein möglichst umfassendes Bild der Ereignisse zeichnet und Licht in die dunklen Kapitel der Geschichte der Stiftung Tragwerk bringt.

Was im Wächterheim und in der Paulinenpflege geschehen ist, macht zutiefst betroffen und das Leid derer, die Opfer der sexualisierten Gewalt geworden sind, muss aufrichtig anerkannt und gewürdigt werden. Vor allem aber darf so etwas nie wieder geschehen, es müssen dringend die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen werden, um jede Form von Gewalt an den Betreuten zu verhindern und zu unterbinden. Es muss ein sicherer Ort frei von Angst und Gewalt für alle geschaffen werden, die sich in unserer Obhut befinden.

Kurzvita Dr. Sebastian Wenger

Studium der Geschichtswissenschaften und der Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart und an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Promotion zum Dr. phil. 2020 an der Universität Stuttgart (Wilhelm Zimmermann Preis für die beste im Jahr 2020 am Historischen Institut der Universität Stuttgart verfasste Dissertation). Seit 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin (Bosch Health Campus). Forschungsschwerpunkte sind Sozialgeschichte der Medizin, Geschichte der Heimerziehung, Disability History, Geschichte sozialer Randgruppen.

David Aust

Vorstandsvorsitzender der Stiftung Tragwerk

07021/5008-10

aust.dstiftung-tragwerk.de